Practice what you preach – Über die Relevanz der eigenen Stimme in der Stimmtherapie

 

28.02.2022

 

Practice what you preach
Über die Relevanz der eigenen Stimme in der Stimmtherapie
Stephanie A. Kruse

Die Stimmtherapie ist eine wundervolle, lebendige, feine, tiefgreifende und mutige Version der Verhaltenstherapie. Wir stellen uns dem Erkennen, Bewusst werden, dem Annehmen und Akzeptieren sowie dem dringenden Wunsch nach Veränderung. Folgende Fragen begleiten diesen Prozess:

Was ist mit meiner Stimme los? Bleibt meine Stimme jetzt so? Wie kam es dazu? Kann ich selbst etwas dafür tun, dass meine Stimme wieder gesund wird? Bin ich bereit, meine Verhaltensweisen zu hinterfragen und zu verändern? Bin ich ausreichend motiviert, um an mir und meiner Stimme zu arbeiten? Traue ich mich, anders zu klingen, als ich es von mir gewohnt bin? Lasse ich mir dabei helfen? Kann ich mich auf die Stimmarbeit einlassen?

Diese Fragen sollten wir nicht nur der Person stellen, die mit ihrer Stimm-Frage zu uns kommt, sondern sollten auch uns selbst immer wieder bewusst miteinbeziehen.
Wie steht es um meine eigene Stimme? Wie viel bin ich bereit zu tun, um meine eigenen stimmlichen Ziele zu erreichen? Bin ich neugierig und mutig genug, meine stimmlichen Fähigkeiten zu erweitern? Lasse ich mir dabei helfen?

 


Der Prozess der eigenen Stimmentwicklung ist der Schlüssel zum effektiven Begleiten und Anleiten anderer. Darum gilt für uns Therapierende der Leitsatz: Practice what you preach – Praktiziere, was du predigst.

Wie oft am Tag erschaffst du Raum und nimmst dir Zeit für deine eigene Stimme? Wie oft am Tag bist du dir deiner Stimme bewusst und kümmerst dich achtsam um deine Bedürfnisse? Wann warst du das letzte Mal im Gesangsunterricht oder Stimmtraining? Welche Rituale hast du in deinen Tag eingebaut, die „den Druck rausnehmen“?

Bei der Beantwortung dieser Fragen wird deutlich, dass wir selbst meist nicht das tun, was wir anderen „predigen“. Eingespannt in den engen Rhythmus des Therapiealltags fühlen wir uns nicht selten limitiert in unserer Achtsamkeit, denn es gibt so viel im Außen zu erledigen, dass das Innen warten muss. Das Gegenüber hat schließlich einen Anspruch an uns, dem wir gerecht werden wollen. So merken wir am Nachmittag, wie der Hals eng wird und die Stimme langsam „ihren Geist aufgibt“, „keine Lust mehr hat“. Wir haben zu wenig getrunken, zu aktuellen Zeiten viel gelüftet und eventuell im Luftzug gesessen, wir waren eventuell nur ein Mal zur Toilette und gegessen haben wir beim Berichte schreiben. Zudem haben wir, dank der wunderbaren Spiegelneuronen, die Stimmmuster des Gegenübers nach empfunden, und so mehrere Stunden am Tag unsere Stimme direkt und indirekt belastet, eventuell sogar überbelastet. (Hier sei zu beachten: Auch die Spiegelneurone des Gegenübers imitieren unser Stimmverhalten.) Dabei funktioniert die Stimme „eigentlich“ auch ganz gut, sodass es uns gar nicht weiter auffällt, wenn sie überlastet ist. „Nur“ Abends ist sie müde. Oder aber die Stimme ist dauerhaft müde und besonders die Stimmtherapien werden dadurch anstrengend.

 

 

 

Drei Gründe, warum Stimmtherapierende ihre Stimme trainieren und pflegen:

1. Deine Stimme = dein Kapital

Ohne deine Stimme kannst du deinen Beruf nicht ausüben. Das merkst du, wenn du heiser zur Arbeit gehst. Du bist deutlich eingeschränkt in deinem therapeutischen Wirken, denn deine Stimme ist dein wichtigstes Therapie-Tool.

2. Professionalität = Authentizität

Als Stimmtherapierende/r bist du die Expertin/der Experte für die Stimme. Um dein Gegenüber professionell, nachhaltig und authentisch zu begleiten ist es von Nöten, dich mit deinen eigenen Stimmprozessen auseinanderzusetzen. Nur so weißt du, wieviel Arbeit es ist und wieviel Überwindung es kostet, die eigenen stimmlichen Einschränkungen im Falle einer Erkrankung anzuerkennen und mutig genug zu sein, die notwendigen Veränderung vorzunehmen, um die Stimme wieder in Einklang zu bringen. Sei Expert*in für Stimme – und beginne bei deiner eigenen.

3. Effektivität der Therapie = Vorgelebte Achtsamkeit

Der Kern der Stimmtherapie ist die Achtsamkeit: sich selbst wahrnehmen und bemerken, was macht welche Situation, welcher Mensch mit mir? Warum schnürt sich mein Hals zu, wenn mein Chef den Raum betritt? Warum spreche ich mit so viel Druck, wenn ich das Meeting eröffne?

Diese Beobachtungen helfen herauszufinden, warum wir funktionieren, wie wir funktionieren. Gelebte Achtsamkeit findet sich in der Art, wie wir Fragen stellen, wie wir Pausen machen, uns abgrenzen, wie wir einfordern und absagen. Wenn du als Therapierende/r dies bereits lebst, kann sich dein Gegenüber davon inspirieren lassen. Die Therapie wird nachhaltig und tiefgreifender. Es geht nicht mehr nur um Übungsabfolgen, sondern bei jeder Übung um das achtsame Beobachten: Was macht das mit mir? Tut mir das gut? Wie kann ich die Übung so machen, dass sie mir hilft? etc.

 

 

Die goldenen 7
Du weißt, dass es wichtig ist viel Wasser zu trinken, die Schleimhäute feucht zu halten (Inhalation oder Steamer), auf das Rauchen zu verzichten, dich gesund zu ernähren und erhöht zu schlafen (bei bekanntem Reflux und silent Reflux). Zudem empfehle ich dir folgende sieben Verhaltensweisen in denen Tagesablauf einzubauen, um deine Stimme dauerhaft gesund zu erhalten:

1. Regelmäßiges Stimmtraining
Suche dir einen Vocal Coach und arbeitet gemeinsam an deinen Stimmzielen.
Nicht nur ein Mal für ein paar Termine, sondern dein ganzes Berufsleben lang. Ein Stimmziel ist es, eine tragfähige, belastbare Stimme zu entwickeln und zu erhalten. Ein weiteres Stimmziel kann sein, endlich zu singen oder Stimmen imitieren zu lernen. Je flexibler deine Stimme ist, umso belastbarer ist sie.

2. Raus aus der Komfortzone
Besuche Workshops zu Themen, die du noch nicht kennst: Gesang, Sprecherziehung, Bühnensprechen, Stimmtransition, Atemtherapie, Stimmmethoden außerhalb der Stimmtherapie, wie das Estill Voice Training®, Complete Vocal Techinque, Universal Voice System, Stimmtraining nach Kristin Linklater etc. und fordere dich immer wieder heraus. So entfaltest du deine stimmlichen Möglichkeiten, dein fachliches Wissen und kannst noch besser nachvollziehen, wie es deinem Gegenüber in der Stimmarbeit geht, wenn du ihm oder ihr neue Übungen und Themen anbietest. Das LAX VOX® Institute bietet dir Workshops zu einer Vielzahl von Themenbereichen. Da findest du sicher was Spannendes für dich.
Zu den Workshops

3. Tägliche Stimm-Fürsorge
Stimmpflege ist kein einmaliges Projekt, sondern eine tägliche Routine, wie das Zähneputzen. Finde deine Lieblings-Stimmübungen und baue sie mind. 3-5 Mal täglich in deinen Arbeitsalltag ein. Dazu eignen sich besonders gut einfache Übungen, die nach kurzer Zeit einen entspannenden und regenerierenden Effekt zeigen, wie die SOVTE (Semi-occluded Vocal Tract Exercises) LAX VOX®, Lippenflattern und die Trompete.

SOVTE (Semi-occluded Vocal Tract Exercises) sind Übungen, bei denen die Luft dosiert abgegeben wird. Dies erzeugt einen Druckausgleich auf Stimmlippenebene, der die Stimmproduktion effektiver und einfacher werden lässt. LAX VOX® bietet zu dem einen Massage-Effekt, der die Muskeln im Ansatzrohr entspannt und die Schleimhäute zur Regeneration anregt.

LAX VOX®
Du benötigst einen LAX VOX®-Schlauch und ein Gefäß mit Wasser. Steck den Schlauch bis zur Markierung 2-3 ins Wasser und nimm die andere Seite in den Mund. Die Lippen schließen locker aber vollständig um den Schlauch. Mache so ein UUUU auf einer gemütlichen Tonlage in den Schlauch, wodurch das Wasser zu blubbern beginnt. Du spürst das Blubbern auch in den Wangen und im Ansatzrohr.

Lippenflattern
Lege die Lippen locker aufeinander und bringe sie nun durch die dagegen anströmende Atemluft in Schwingung. Nutz dazu deine Stimme. Sollte dir das schwer fallen, lege deine Fingerspitzen sanft auf deine Mundwinkel und befeuchte deine Lippen ein wenig.

Trompete
Lege die Lippen locker aufeinander und blase die Wangen auf. Lasse nun nur ein wenig Luft entweichen und mache dabei ein U. Lege einen Finger auf die Mitte der Lippen, um es dir einfacher zu machen. So entsteht ein trompetenartiger Klang.

Hier findest du ein Tutorial: https://www.youtube.com/watch?v=vkemuIeKpJ4

 

Mache diese Übungen mehrmals am Tag für 3-5 Minuten.
Mache sie zuerst auf einem Ton in einer gemütlichen, einfachen Tonlage. Gehe dann zu kleinen Gleittöne über und weite diese langsam immer mehr aus. Singe kleine Melodien und spiele mit der Stimme. Nach drei bis fünf Minuten spürst und hörst du eine Verbesserung. Deine Stimme ist nun aufgewärmt, optimal eingestellt und ideal auf deine stimmlichen Aufgaben vorbereitet.

4. Geh in die Vollen
Nutze deine Stimme nicht nur in einer Lautstärke und einem Klang (dem „gesunden“ logopädischen Klang), sondern bewege sie durch. Rufe laut, singe in verschiedenen Stilen und nutze deine gesamte Range, flüstere, spreche tief etc. Nutze alle Klangfarben, die du finden kannst. So verhinderst du eine einseitige Stimmnutzung, die langfristig deine stimmlichen Fähigkeiten einschränkt. Es gibt nicht nur einen „gesunden“ Klang. Im Gegenteil. Wenn du die Stimme nur in einer Lage problemlos benutzen kannst und alles darüber hinaus dir Probleme macht, wird es höchste Zeit für 1. Regelmäßiges Stimmtraining.

5. Bewegung
Die Stimme ist Teil deines Körpers. Ihr Klang und das Gefühl, dass du beim Stimme machen hast, spiegeln wieder, welche Spannung in deinem Körper und deinem Mindset herrscht. Selten wird es nur im Hals eng, sonder auch der Kiefer und der Nacken „machen dicht“. Darum ist eine tägliche Bewegung absolutes Muss. Aber keine Sorge, du musst dazu nicht ins Fitnessstudio gehen. Es reicht, wenn du 3-5 Mal am Tag tanzt, dich dehnst, abrollst, spazieren gehst etc. Wenn du 3-5 Mal täglich ein schnelleres Lied anmachst, dass in der Regel 3:30 Minuten lang ist und dazu tanzt, hast du deine Bewegungseinheiten bereits geschafft.

6. Musik
Musik hat, wie in mehreren Studien und Therapieansätzen (wie z. B. der Musiktherapie) belegt wurde, eine heilende Wirkung. Prof. Stefan Kölsch beschreibt in seinem Buch „Good Vibrations – Die heilende Kraft der Musik“„Musik kann positive Emotionen hervorrufen und dabei helfen, negative Emotionen zu regulieren. Dadurch kann sie Heilung unterstützen und Gesundheit fördern. Entspannung und Freude wirken regenerativ, wogegen dauerhafter emotionaler Stress negative Folgen hat.“ (S.26)
Beginne deine Stunden mit einem Lied und ein wenig Bewegung (ganz nach deinem Geschmack und deinem Ermessen), und du wirst merken, wie sich deine Stimmung und die des Gegenübers verändert. Denk doch jetzt mal kurz an den Bobby McFerrin Song „Don’t Worry, Be Happy …dududududuuu“. Kannst du mit pfeifen oder mitsingen? Na? Lächelst du?
Musik wirkt regulierend auf das vegetative Nervensystem und nimmt so den „Druck“, die Anspannung raus. Steven Porges, der Entwickler der Polyvagal-Theorie, hat auf diesem Wissen basierend das Safe and Sound-Protokoll (SSP) entwickelt: Musik, die das autonome Nervensystem beruhigt und so unser Lernen und Leben einfacher macht. Diesen Effekt erreichst du aber mit jeder Musik, die dir gute Laune macht, dich entspannt oder zu der du gerne tanzt. Baue diese in deinen Arbeitsalltag ein so oft du kannst und du wirst merken, wie viel leichter dir die Arbeit fällt und dass du und deine Stimme am Abend weniger müde seid. Lukas Häfner und ich haben zu diesem Zwecke einen LAX VOX® Soundtrack mit 5 Songs entwickelt, die dein Stimmtraining begleiten und untermalen. Diesen findest du hier.

7. Ich brauche jetzt…
Spüre immer wieder nach, was du gerade brauchst. Halte inne, lass alles stehen und liegen und frage dich „Was brauche ich jetzt?“. Du wirst erstaunt sein, welche kleinen Dinge dir da in den Sinn kommen:
Einen Tee? Aber ich bin doch mitten in der Therapie. Eventuell möchte dein Gegenüber auch einen Tee. Ihr könnt ihn zusammen aufgießen und dabei über die vergangene Woche reden.
Eine kleine Pause? Mach euch ein Lied an und geht beide schweigend durch den Raum und bewegt euch ein wenig.
Eine Atemübung zur Regulation des Nervus Vagus? Nutze LAX VOX®. Es unterstützt die geführte Atmung und entspannt dich und dein Gegenüber.
Höre auf deine Bedürfnisse und erlaube dir, diese im Beisein deiner Klient*innen zu erfüllen. So schenkst du deinem Gegenüber die Freiheit, das gleiche zu tun. Ihr seid nicht zum ernsten strengen Arbeiten zusammen gekommen, sondern trefft euch zur Therapie. Was kann hier professioneller sein, als zu lernen, die eignen Bedürfnisse zu erkennen und diesen Raum zu bieten?

 

Ich plane meine Woche gern im Voraus. Zu meinen Workshops, Coachings und anderen Terminen „im Außen“ trage ich auch die Verabredungen mit mir selbst in meinen Kalender. Spazieren gehen, essen, Musik hören, Tee kochen etc. Ein Mal täglich plane ich mind. 20 Minuten Gesang / Stimmtraining ein. Diese Verabredungen sind Erinnerungen an mich, mir spätestens alle 2-3 Stunden eine Auszeit zu gönnen. Wie ich diese dann gestalte, hängt von meinem aktuellen Bedürfnis ab. Aber wichtig ist, dass diese Termine die wichtigsten des Tages sind und nie abgesagt werden dürfen. Das gelingt mir nicht immer, aber immer öfter. Ich werde realistischer und flexibler in meiner Planung und so wird aus einer “vollen Woche” eine volle Woche mit gutem Essen, ein paar guten Tanz-Momenten und Yoga mit Mady Morrison am Mittag. Herrlich.

Im LAX VOX® Institute bieten wir viele verschiedene Workshops an, in denen wir dir zeigen, wie du LAX VOX® in diversen Bereichen der Stimmarbeit anwenden kannst.

In unseren wöchentlichen 45 min. Workouts geht es nur um dich. Das wäre eine wöchentliche Verabredung mit dir selbst, für die du dir Zeit nehmen darfst, und ein guter Start in dein regelmäßige Stimmtraining.

Care for you. No one else can do.


Über die Autorin:
Stephanie A. Kruse, geboren 1981, ist Logopädin (Bachelor of Health), Vocal Coach, Sängerin, Autorin, Dozentin und die Gründerin und Inhaberin des LAX VOX® Institutes by S. A. Kruse.
Gemeinsam mit Thomas Lascheit hat sie die Methode der LaKru®-Stimmtransition entwickelt. Sie ist Master Trainer of Estill Voice Training® und die Übersetzerin und Co-Autorin des Universal Voice Guide. Sie lebt und arbeitet in München.
www.stephaniekruse.de

 

 

 

 

 



 

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